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Oberlandesgericht Hamm, 9 U 123/05

Datum:
06.06.2008
Gericht:
Oberlandesgericht Hamm
Spruchkörper:
9. Zivilsenat
Entscheidungsart:
Urteil
Aktenzeichen:
9 U 123/05
ECLI:
ECLI:DE:OLGHAM:2008:0606.9U123.05.00
 
Vorinstanz:
Landgericht Siegen, 1 O 520/02
Schlagworte:
Tod des Unterhaltsschuldners, Unterhaltsschaden, geschäftsführender Alleingesellschafter, Lebensversicherungen, Altersvorsorge, Vermögensbildung, Nettoeinkommen, fiktive Versorgungsleistungen, Erwerbsverpflichtung der hinterbliebenen Ehefrau
Normen:
§§ 823 Abs. 1, 844 Abs. 2, 254, 242 BGB
Leitsätze:

1.

Von einem Selbständigen bzw. dem Gesellschaftergeschäftsführer einer Einmann-GmbH aufgewendete Prämien für (Kapital)lebensversicherungen dienen sowohl der Eigen- bzw. Altersvorsorge als auch der Absicherung der Unterhaltsberechtigten. Diese Zahlungen sind damit zu einem Teil als Vermögensbildung anzusehen, zum anderen Teil als eine besondere Form des Unterhalts. Dies rechtfertigt, sie bei der Bemessung der Rentenhöhe nach § 844 Abs. 2 BGB zur Hälfte vom unterhaltsrechtlich relevanten Nettoeinkommen abzuziehen (so auch OLG Zweibrücken, VersR 1994, 613).

2.

Bei der im Rahmen des § 844 Abs. 2 BGB vom unterhaltsrechtlich relevanten Nettoeinkommen abzusetzende Tilgung des auf das Familieneigenheim aufgenommenen Darlehens kann gem. § 287 ZPO bei einem Annuitätendarlehen mit regulärer dreißigjähriger Laufzeit eine gleichmäßige Tilgung von 3,33 % pro Jahr angesetzt werden. Eine Berechnung des Tilgungsanteils jeder einzelnen Annuitätenrate ist demgegenüber aus Prakikabilitätsgründen nicht geboten.

3.

Die Entscheidung BGH VersR 1990, 317, wonach bei der im Rahmen der fixen Kosten abzusetzenden Wohnkosten auf eine gedachte Mietwohnung abzustellen ist, die hinsichtlich Lage, Zuschnitt und Bequemlichkeit den Wohnverhältnissen vor dem Unfalltod des Opfers entspricht, "falls diese nicht oberhalb des unterhaltsrechtlich geschuldeten Standards lagen", ist nicht so zu verstehen, dass die Hinterbliebenen zur Entlastung des Schädigers gehalten wären, zuvor vorhandene gehobene Wohnverhältnisse, wie sie etwa im Vorhalten eines Gästezimmers und eines zweiten Bades zum Ausdruck kommen, durch einen insgesamt einfacheren Wohnstandard - ohne die genannten Zimmer - zu ersetzen.

4.

Nachhilfekosten sind nicht als fixe Kosten anzusehen. Insoweit handelt es sich um Sonderbedarf des Kindes, der nur das Verhältnis des Kindes zum Unterhaltspflichtigen betrifft. Nachhilfekosten sind nicht mit Kindergartenkosten vergleichbar, da letztere der Organisation des Tagesablaufs bzw. Familienlebens insgesamt dienen und damit der gesamten Familie zugute kommen.

5.

a)

Fiktive Versorgungsbezüge sind nicht im Wege der Vorteilsausgleichung zugunsten des Schädigers zu berücksichtigen. Eine betriebliche Versorgung ist wie der Arbeitslohn Gegenleistung für die erbrachte Arbeit (BGH VersR 1998, 1253). Diese erarbeitete Leistung dient nicht zum Zweck, den Schädiger zu entlasten.

b)

Bei der nach § 844 Abs. 2 BGB vorzunehmenden Berechnung dürfen die Hinterbliebenen eines Arbeitnehmers, der sich bei vom Arbeitgeber angebotener Alternative für eine Direktversicherung oder eine andere Art der betrieblichen Altersvorsorge entschieden hat, nicht schlechter gestellt werden als die Hinterbliebenen eines Arbeitsnehmers, der sich in vergleichbarer Situation für eine Gehaltserhöhung entschieden hat.

6.

Einer Witwe ist es zuzumuten, zugunsten des Schädigers eine Tätigkeit im zuvor ausgeübten Rahmen wieder aufzunehmen, sobald die Notwendigkeit der Kinderbetreuung entfällt.

 
Tenor:

I.

Die Beklagte wird verurteilt,

1. an die Klägerin zu 1) für den Zeitraum vom 13.02.2000 bis 30.06.2005 rückständige Geldrente von 2.110,38 € zu zahlen,

2. an die Klägerin zu 1) eine monatliche Geldrente jeweils vierteljährlich im Voraus zum 01.01., 01.04., 01.07. und 01.10. eines jeden Jahres wie folgt zu zahlen:

1.682,16 € seit dem 01.07.2005 bis zum 30.06.2007,

1.718,46 € seit dem 01.07.2007 bis zum 29.02.2008,

1.342,32 € seit dem 01.03.2008 bis zum 31.12.2014,

zuzüglich Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz wie folgt:

aus 5.046,48 € seit dem 01.07.2005 bis zum 23.05.2006,

aus weiteren 5.046,48 € seit dem 01.10.2005 bis zum 23.05.2006,

aus weiteren 5.046,48 € seit dem 01.01.2006 bis zum 23.05.2006,

aus weiteren 5.046,48 € seit dem 01.04.2006 bis zum 23.05.2006,

aus weiteren 12.258,70 € seit dem 24.05.2006 bis zum 30.06.2006,

aus weiteren 5.046,48 € seit dem 01.07.2006 bis zum 07.02.2007,

aus weiteren 5.046,48 € seit dem 01.10.2006 bis zum 07.02.2007,

aus weiteren 5.046,48 € seit dem 01.01.2007 bis zum 07.02.2007,

aus weiteren 24.098,14 € seit dem 08.02.2007 bis zum 31.03.2007,

aus weiteren 5.046,48 € seit dem 01.04.2007 bis zum 09.09.2007,

aus weiteren 5.155,36 € seit dem 01.07.2007 bis zum 09.09.2007,

aus weiteren 31.461,58 € seit dem 10.09.2007 bis zum 30.09.2007,

aus weiteren 5.155,36 € seit dem 01.10.2007 bis zum 26.02.2008,

aus weiteren 4.779,24 € seit dem 01.01.2008 bis zum 26.02.2008,

aus weiteren 35.345,50 € seit dem 27.02.2008,

aus weiteren 4.026,96 € seit dem 01.04.2008

3. an die Klägerin zu 1) Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem

jeweiligen Basiszinssatz wie folgt zu zahlen:

aus 2.459,00 € seit dem 01.01.2001 bis zum 31.03.2001,

aus 7.197,66 € seit dem 01.04.2001 bis zum 30.06.2001,

aus 11.935,92 € seit dem 01.07.2001 bis zum 05.08.2001,

aus 1.335,42 € seit dem 01.10.2001 bis zum 18.10.2001,

aus 3.700,90 € seit dem 01.10.2002 bis zum 31.12.2002,

aus 8.439,16 € seit dem 01.01.2002 bis zum 31.03.2002,

aus 13.177,42 € seit dem 01.04.2003 bis zum 30.06.2003,

aus 17.915,68 € seit dem 01.07.2003 bis zum 30.09.2003,

aus 22.653,94 € seit dem 01.10.2003 bis zum 31.12.2003,

aus 27.392,22 € seit dem 01.01.2004 bis zum 31.03.2004,

aus 32.130,46 € seit dem 01.04.2004 bis zum 30.06.2004,

aus 19.481,10 € seit dem 01.07.2004 bis zum 16.09.2004,

aus 2.063,90 € seit dem 01.01.2005 bis zum 31.03.2005,

aus 7.110,38 € seit dem 01.04.2005 bis zum 21.06.2005,

aus 2.110,38 € seit dem 22.06.2005 bis zum 30.06.2005,

II.

Die Beklagte wird verurteilt,

1. an den Kläger zu 2) für den Zeitraum vom 13.02.2000 bis 30.06.2005 rückständige Geldrente von 19.991,22 € zu zahlen,

2. an den Kläger zu 2) eine monatliche Geldrente jeweils vierteljährlich im Voraus zum 01.01., 01.04., 01.07. und 01.10. eines jeden Jahres wie folgt zu zahlen:

615,24 € seit dem 01.07.2005 bis zum 30.06.2007,

zuzüglich Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz wie folgt:

aus 1.845,72 € seit dem 01.07.2005,

aus weiteren 1.845,72 € seit dem 01.10.2005,

aus weiteren 1.845,72 € seit dem 01.01.2006,

aus weiteren 1.845,72 € seit dem 01.04.2006,

aus weiteren 1.845,72 € seit dem 01.07.2006,

aus weiteren 1.845,72 € seit dem 01.10.2006,

aus weiteren 1.845,72 € seit dem 01.01.2007,

aus weiteren 1.845,72 € seit dem 01.04.2007.

3. an den Kläger zu 2) Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem

jeweiligen Basiszinssatz wie folgt zu zahlen:

aus 4.163,28 € seit dem 24.12.2000 bis zum 31.12.2000,

aus 5.380,53 € seit dem 01.01.2001 bis zum 31.03.2001,

aus 7.554,48 € seit dem 01.04.2001 bis zum 30.06.2001,

aus 9.728,43 € seit dem 01.07.2001 bis zum 05.08.2001,

aus 5.893,74 € seit dem 06.08.2001 bis zum 30.09.2001,

aus 8.067,69 € seit dem 01.10.2001 bis zum 18.10.2001,

aus 6.150,34 € seit dem 19.10.2001 bis zum 31.12.2001,

aus 8.324,29 € seit dem 01.01.2002 bis zum 07.01.2002,

aus 6.094,74 € seit dem 08.01.2002 bis zum 31.03.2002,

aus 8.268,69 € seit dem 01.04.2002 bis zum 30.06.2002,

aus 10.442,64 € seit dem 01.07.2002 bis zum 30.09.2002,

aus 12.616,59 € seit dem 01.10.2002 bis zum 31.12.2002,

aus 14.790,54 € seit dem 01.01.2003 bis zum 31.03.2003,

aus 16.964,49 € seit dem 01.04.2003 bis zum 30.06.2003,

aus 19.138,44 € seit dem 01.07.2003 bis zum 30.09.2003,

aus 21.312,39 € seit dem 01.10.2003 bis zum 31.12.2003,

aus 23.486,34 € seit dem 01.01.2004. bis zum 31.03.2004,

aus 25.660,26 € seit dem 01.04.2004 bis zum 30.06.2004,

aus 27.834,24 € seit dem 01.07.2004 bis zum 31.08.2004,

aus 29.802,97 € seit dem 01.09.2004 bis zum 16.09.2004,

aus 12.302,97 € seit dem 17.09.2004 bis zum 30.09.2004,

aus 13.861,26 € seit dem 01.10.2004 bis zum 31.12.2004,

aus 15.419,55 € seit dem 01.01. 2005 bis zum 31.3.2005,

aus 16.977,84 € seit dem 01.04. 2005 bis zum 30.6.2005.

III.

Die Beklagte wird verurteilt,

1. an die Klägerin zu 3) für den Zeitraum vom 13.02.2000 bis 30.06.2005 rückständige Geldrente von 22.450,82 € zu zahlen,

2. an die Klägerin zu 3) eine monatliche Geldrente jeweils vierteljährlich im Voraus zum 01.01., 01.04., 01.07. und 01.10. eines jeden Jahres wie folgt zu zahlen:

863,20 € seit dem 01.07.2005 bis zum 30.06.2007,

909,85 € seit dem 01.07.2007 bis zum 31.12.2014,

zuzüglich Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz wie folgt:

aus 2.589,60 € seit dem 01.07.2005,

aus weiteren 2.589,60 € seit dem 01.10.2005,

aus weiteren 2.589,60 € seit dem 01.01.2006,

aus weiteren 2.589,60 € seit dem 01.04.2006,

aus weiteren 2.589,60 € seit dem 01.07.2006,

aus weiteren 2.589,60 € seit dem 01.10.2006,

aus weiteren 2.589,60 € seit dem 01.01.2007,

aus weiteren 2.589,60 € seit dem 01.04.2007,

aus weiteren 2.729,55 € seit dem 01.07.2007,

aus weiteren 2.729,55 € seit dem 01.10.2007,

aus weiteren 2.729,55 € seit dem 01.01.2008,

aus weiteren 2.729,55 € seit dem 01.04.2008.

3. an die Klägerin zu 3) Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem

jeweiligen Basiszinssatz zu zahlen wie folgt:

aus 4.163,28 € seit dem 24.12.2000 bis zum 31.12.2000,

aus 5.380,53 € seit dem 01.01.2001 bis zum 31.03.2001,

aus 7.554,48 € seit dem 01.04.2001 bis zum 30.06.2001,

aus 9.728,43 € seit dem 01.07.2001 bis zum 05.08.2001,

aus 5.893,74 € seit dem 06.08.2001 bis zum 30.09.2001,

aus 8.067,69 € seit dem 01.10.2001 bis zum 18.10.2001,

aus 6.150,34 € seit dem 19.10.2001 bis zum 31.12.2001,

aus 8.324,29 € seit dem 01.01.2002 bis zum 07.01.2002,

aus 6.094,74 € seit dem 08.01.2002 bis zum 31.03.2002,

aus 8.268,69 € seit dem 01.04.2002 bis zum 30.06.2002,

aus 10.442,64 € seit dem 01.07.2002 bis zum 30.09.2002,

aus 12.616,59 € seit dem 01.10.2002 bis zum 31.12.2002,

aus 14.790,54 € seit dem 01.01.2003 bis zum 31.03.2003,

aus 16.964,49 € seit dem 01.04. 2003 bis zum 30.06.2003,

aus 19.138,44 € seit dem 01.07.2003 bis zum 30.09.2003,

aus 21.312,39 € seit dem 01.10.2003 bis zum 31.12.2003,

aus 23.486,34 € seit dem 01.01.2004 bis zum 31.03.2004,

aus 25.660,26 € seit dem 01.04.2004 bis zum 30.06.2004,

aus 27.814,99 € seit dem 01.07.2004 bis zum 16.09.2004,

aus 10.314,99 € seit dem 27.09.2004 bis zum 30.09.2004,

aus 12.431,19 € seit dem 01.10.2004 bis zum 31.12.2004,

aus 14.547,39 € seit dem 01.01.2005 bis zum 31.03.2005,

aus 16.663,59 € seit dem 01.04.2005 bis zum 30.06.2005.

IV.

Es wird festgestellt, dass die Beklagte verpflichtet ist, den Klägern zu 1), 2) und 3) jeglichen zukünftigen Unterhaltsschaden aufgrund des Unfalls des T am 13.02.2000 auf der B ## in C zu ersetzen, soweit Ansprüche nicht von Gesetzes wegen auf Leistungsträger übergegangen sind oder übergehen werden.

Die weitergehende Klage wird abgewiesen.

Die Kosten des Rechtsstreits tragen die Klägerin zu 1) zu 20 %, der Kläger zu 2) und die Klägerin zu 3) zu je 10 % und die Beklagte zu 60 %.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Jede Partei kann die gegen sie gerichtete Vollstreckung gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 120 % des jeweils beizutreibenden Betrages abwenden, wenn nicht zuvor die jeweils andere Partei Sicherheit leistet.

Die Revision wird für alle Parteien zugelassen.

 
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